Liebe Layla,

wie geht es dir? Wir haben uns lange nicht mehr gesehen, und ich war zufällig spazieren im Duttmannkiez und dann bin ich zufällig an deine Wohnung vorbei und habe zufällig auf dem Klingelschild gesehen, dass du da immer noch wohnst. 

Wie lange ist es her, dass wir uns gesehen haben? Zehn Jahre? Neun? Wie geht es dir? Machst du immer noch diese verdammt leckere Weinblätterdinge, deren Namen mir partout nicht mehr einfällt? Bist du immer noch getrennt von deinem Ehemann, oder bist du zu ihm zurück? Sitzt du immer noch weinend auf der Couch und schaust dir WhatsAppvideos aus der Heimat an, in der Mitglieder deiner Familie in Syrien vom Islamischen Staat geköpft wird?

Und wie geht es ihm? Er ist inzwischen erwachsen, oder?

Hat er die Kurve gekriegt? Oder hat die Pandemie sein ohnehin zerbrechliches Schulleben den Todesstoß gegeben? 

Wurdet ihr auch vergessen?

Klar wurdet ihr das. Ihr werdet immer vergessen. Wieso soll’s jetzt anders sein?

Es tut mir leid, Layla, ich wollte ihm helfen, damals, als er noch in der 2. Klasse war und einfach nicht lesen konnte. Weil ich ihn mochte. Weil er lustig war und spontan und zwar nicht intelligent, aber dafür klug. Deshalb kam ich jahrelang zweimal die Woche, deshalb haben ich mit ihm zusammen – zwei vergessene quasi-Deutsche Außenseiter in Berlin – Ottfried Preußler entdeckt. Aber letztendlich hat es keinen Unterschied gemacht. Weder Preußler, noch ich.

Oder?

Ich will es wissen, Layla. Ich will bei dir klingeln. Auf einen Tee vorbeikommen. Mit diesen Weinblätterdingen, deren Name mir partout nicht einfällt. Wie damals, als wir zweimal die Woche diese schräge Pseudofamilie waren, die ich inzwischen mit einer echten Familie ersetzt habe. 

Ich klingele nicht. Vielleicht bin ich irgendwann nochmal in der Gegend. 

Zufällig. 

Blogbert

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